Tschechoslowakei

Tsche|cho|slo|wa|kei, die; -:
ehem. Staat in Mitteleuropa.

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Tschechoslowakei,
 
tschechisch Československo ['tʃɛskɔslɔvɛnskɔ], amtlich 1918-39 und 1945-60 Československá rẹpublika ['tʃɛskɔslɔvɛnskaː -], Abkürzung ČSR [tʃeːɛs'ɛr], 1960-89 Čẹskoslovenská sọcialistická rẹpublika [-stitskaː -], Abkürzung ČSSR [tʃeːɛsɛs'ɛr], 1990-92 Česká a Slovenská federatívní rẹpublika ['tʃɛskaː, 'slɔvɛnskaː 'fɛdɛratiːvniː -], Abkürzung ČSFR [tʃeːɛsɛfː'ɛr], ehemalige Staat in Ostmitteleuropa, mit 127 899 km2 und (1992) 15,6 Mio. Einwohner; Hauptstadt war Prag. Die ČSFR teilte sich am 1. 1. 1993 in die Tschechische Republik und die Slowakische Republik.
 
 Die Entstehung der Tschechoslowakei (1848-1918)
 
Ab 1848 erfasste der tschechische Nationalgedanke in den Ländern der böhmischen Krone immer größere Kreise der tschechischen Bevölkerung, v. a. in Böhmen und Mähren. Es entwickelten sich besonders Spannungen zwischen der tschechischen Nationalbewegung und dem deutschen-sprachigen Bevölkerungsteil, der seine beherrschende Stellung nicht verlieren wollte. Die tschechische Nationalbewegung wurde zunächst allein getragen von den Alttschechen (Nationalpartei) unter Führung von F. Palacký, später besonders von den Jungtschechen (Freisinnige Nationalpartei, Karel Sladkovský, * 1823, ✝ 1880), denen sich auch die Realisten (T. G. Masaryk, K. Kramář u. a.) anschlossen. Versuche der Reichsregierung Österreich-Ungarns, den Gegensatz zwischen dem tschechischen und dem deutschen-sprachigen Bevölkerungsteil abzubauen (u. a. Sprachenverordnungen des Ministerpräsidenten K. F. Graf Badeni, 1897; »Badeni-Krise«) scheiterten 1899; 1913 suspendierte die Regierung die böhmische Landes-Verfassung und hob die Autonomie auf.
 
Mit der Schaffung einer slowakischen Schriftsprache um 1840 entstand im transleithanischen (ungarischen) Teil Österreich-Ungarns ein slowakisches Nationalbewusstsein. Die rigorose Magyarisierungspolitik im 19. Jahrhundert zwang jedoch Hunderttausende Slowaken zur Emigration (v. a. in die USA).
 
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges richteten Masaryk und E. Beneš im Exil den »Tschechoslowakischen Nationalrat« ein (ab Februar 1916). Ihm waren formell die in Russland, Frankreich und Italien entstandenen Tschechoslowakischen Legionen unterstellt. Am 30. 5. 1918 unterzeichnete Masaryk das mit den Vertretern der slowakischen Emigration in den USA vereinbarte Pittsburgher Abkommen über den staatlichen Zusammenschluss der tschechischen und der slowakischen Nation. Am 28. 10. 1918 rief ein von Vertretern aller tschechischen Parteien gebildeter »Nationalausschuss« in Prag den »selbstständigen tschechoslowakischen Staat« aus. Am 7. 11. 1918 wählte eine vorläufige Revolutionäre Nationalversammlung Masaryk zum Staatspräsidenten, am 14. 11. Kramář zum Ministerpräsidenten; Außenminister wurde Beneš. Im Zuge des militärischen Zusammenbruchs Österreich-Ungarns setzte sich die neue Regierung in den tschechisch besiedelten Gebieten Böhmens und Mährens sofort, in den mehrheitlich deutschen besiedelten Randgebieten des neuen Staates (»Sudetenländer«) erst im Winter 1918/19 mit militärischen Mitteln durch. Zuvor (29. 10. 1918 hatten die sudetendeutschen Abgeordneten des früheren österreichischen Reichsrates »Deutsch-Böhmen« zur Provinz der Republik »Deutschösterreich« erklärt; Sitz der Landesregierung sollte Reichenberg sein. Gegen den militärischen Widerstand der ungarischen Räteregierung besetzte tschechische Militär bis Mitte 1919 auch die Slowakei. Die Pariser Vorortverträge (besonders Vertrag von Saint-Germain-en-Laye, 10. 9. 1919 ) bestätigten die staatsrechtliche Zugehörigkeit zur Tschechoslowakei, die nunmehr Böhmen, Mähren(-Schlesien), die Slowakei und die Karpato-Ukraine (seit Juni 1919) umfasste; hinzu kam das »Hultschiner Ländchen« (Hultschin), das Deutschland an den neuen Staat abtreten musste. Um das Gebiet von Teschen kam es zu einem bewaffneten Grenzstreit mit Polen (1920 gelöst). Im Ergebnis der Grenzregelungen der Pariser Vorortverträge war die Tschechoslowakei ein Nationalitätenstaat geworden, dem neben den dominierenden Tschechen v. a. Sudetendeutsche, Slowaken, Ungarn, Polen und Ukrainer angehörten.
 
 Die Erste Republik (1918-39)
 
Am 29. 2. 1920 verabschiedete die Provisorische Nationalversammlung (ohne Mitwirkung der Minderheitenvertreter) eine am französischen Vorbild orientierte republikanische, parlamentarisch-demokratische Verfassung der Tschechoslowakei (Abkürzung zunächst RČS); seit November 1918 bemühten sich die Regierungen, durch eine Neuordnung des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems (1919 u. a. Einführung einer eigenen Währung; Bodenreform) sowie des Justiz- und Verwaltungswesens die historisch gewachsenen Bindungen an Österreich und Ungarn abzubauen und dadurch die innere Einheit der aus verschiedenen Staaten stammenden Landesteile zu sichern (nach dem Motto »Entösterreichung«, Masaryk). Die Bemühungen der Regierungen, Tschechen und Slowaken über einen strengen Zentralismus zu einem einzigen »tschechoslowakischen« Staatsvolk zu formen, stießen bald auf den Widerstand der slowakischen Autonomisten, die in dieser Politik einen Bruch früherer tschechischer Abmachungen (eigene Amtssprache, eigenes Parlament und Gerichtswesen) sahen. Die Unzufriedenheit wurde noch dadurch gesteigert, dass wegen der vorherigen Magyarisierungspolitik durch Budapest (u. a. Mangel an slowakischen Beamten) tschechische Kräfte beim Aufbau moderner Verwaltungs- und Bildungsstrukturen in der Slowakei überwogen. Auch Sudetendeutsche und Ungarn sahen sich benachteiligt (z. B. durch die Verwaltungsreform von 1927; in Kraft ab 1928). Die Bildung Mährisch-Schlesiens führte dazu, dass der bisher einzige Landesteil mit deutscher Bevölkerungsmehrheit (Schlesien) nicht mehr existierte.
 
Sehr unterschiedliche gesellschaftspolitische Konzeptionen führten in enger Verknüpfung mit den Nationalitätenfragen zu einer starken Auffächerung der Parteienlandschaft. Politisch dominierend waren v. a. die Tschechoslowakische Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die Tschechoslowakische Nationaldemokratie (Vorsitzender: Kramář), die Tschechoslowakische Nationalsozialistische Partei und die Agrarpartei (Tschechoslowakische Bauernpartei). Neben der Slowakischen Volkspartei vertrat die Partei der ungarischen Minderheit nationale Sonderinteressen; das nach den Tschechen zahlenmäßig zweitgrößte Volk, die Sudetendeutschen, orientierte sich zunächst noch an verschiedenen politischen Parteien. Trotz starker Spannungen zwischen diesen politischen Kräften verlief die innenpolitische Entwicklung der Tschechoslowakei unter parlamentarisch-demokratischen Vorzeichen. Die meisten Regierungen waren Koalitionsregierungen. Zwischen 1919 und 1926 bildeten u. a. Vlastimil Tusar (* 1880, ✝ 1924), Jochen Černý (* 1877, ✝ 1959), E. Beneš und Anton Svehla (* 1873, ✝ 1933) Regierungen im Rahmen der betont tschechisch bestimmten Parteien. 1926-29 führte Svehla eine »gesamtnationale Koalition« auf der Basis einer »nationalen Bündnispolitik«, die 1929-38 von seinen Nachfolgern Franz Udržal (* 1866, ✝ 1938), Johann Malypetr (* 1873, ✝ 1947) und - erstmals - dem Slowaken M. Hodža (ab 1935) weitergeführt wurde. Während sich vonseiten der später allmählich ein Gemeinschaftsgefühl ausbildenden Sudetendeutschen die Deutsche Christlichsoziale Volkspartei, der Bund der Landwirte und die Sozialdemokratie (bedeutend später v. a.: W. Jaksch) an der Regierung beteiligten (»aktivistische« Parteien), sammelten sich die radikalen Gegner des tschechoslowakischen Zentralstaates in der Sudetendeutschen Heimatfront (SHF) beziehungsweise der Sudetendeutschen Partei (SdP; Name seit 1935). War die wirtschaftliche Entwicklung in den 20er-Jahren von einem begrenzten Wohlstand geprägt, so stürzte die Weltwirtschaftskrise (1929) die Tschechoslowakei in den Folgejahren in eine Phase wachsender Arbeitslosigkeit, die besonders die exportabhängige sudetendeutsche Industriegebiete traf und die nationalistischen Tendenzen dort verschärfte, die ab 1933 auch durch den Einfluss des nationalsozialistischen Deutschen Reiches verstärkt wurden. Die SdP wurde die stärkste deutsche Partei. Am 9. 11. 1935 trat Masaryk als Staatspräsident zurück; sein Nachfolger wurde Beneš (18. 12. 1935.
 
Seit der Staatsgründung hatte Beneš bis 1935 im Rahmen wechselnder Regierungen die Außenpolitik der Tschechoslowakei geleitet. Um deren territorialen Bestand v. a. gegenüber ungarischen Revisionsansprüchen zu sichern, hatte er mit dem Bündnisvertrag mit dem »SHS-Staat« (Jugoslawien) den Grundstein zum Bündnissystem der Kleinen Entente gelegt (1920/21). Ein polnisch-tschechoslowakischer Vertrag (1921) mit der Verpflichtung zu gegenseitiger Unterstützung wurde von Polen nicht ratifiziert. Mit dem tschechoslowakisch-französischen Bündnis (25. 1. 1924 fügte sich die Tschechoslowakei in das europäische Sicherheitssystem Frankreichs, der Garantiemacht des Versailler Vertrags, ein. Nach der Machtübernahme A. Hitlers in Deutschland (1933) und wachsenden innenpolitischen Spannungen schloss die Tschechoslowakei am 16. 5. 1935 einen Beistandspakt mit der UdSSR (System der kollektiven Sicherheit).
 
Das von Beneš aufgebaute Bündnissystem verlor in den 30er-Jahren immer stärker seine Funktion als Garant der äußeren Sicherheit. Stattdessen geriet die Tschechoslowakei - v. a. seit 1937 - immer stärker unter den Druck der aggressiven Expansionspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands; die SdP (unter K. Henlein) wurde in der Tschechoslowakei zu einem Instrument der Machtpolitik Hitlers, der nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich (März 1938) in der »Sudetenkrise« (April-September 1938) die Einverleibung der Sudetenländer in das Deutsche Reich forderte. Nach dem Scheitern britischer Vermittlungsversuche (Runciman-Bericht) gaben Frankreich und Großbritannien auf Vermittlung des faschistischen Italien ohne Mitwirkung der Tschechoslowakei im Münchener Abkommen (29. 9. 1938 den deutschen Forderungen nach (Appeasement-Politik); nach deutsch-tschechoslowakischen Verhandlungen musste die Tschechoslowakei das »Sudetenland« mit 29 000 km2 und rd. 3,4 Mio. Einwohner (davon 0,7 Mio. Tschechen) an das Deutsche Reich abtreten. Unter dem Eindruck des Münchener Abkommens besetzte Polen im Oktober 1938 das Olsagebiet. Darüber hinaus verlor die Tschechoslowakei im 1. Wiener Schiedsspruch (2. 11. 1938 südslowakische Gebiete und den größten Teil der Karpato-Ukraine an Ungarn.
 
Um den weiteren Zerfall des Staates aufzuhalten, erhielten die Slowakei (eigenständig proklamiert am 6. 10. 1938) und die Karpato-Ukraine im Oktober 1938 Autonomierechte (Föderalisierung nach dem neuen Verfassungs-Gesetz vom 22. 11.; »Tschecho-Slowakische Republik« beziehungsweise »2. Republik«). Am 30. 11. wurde E. Hácha Staatspräsident, am 1. 12. R. Berán Ministerpräsident. Nachdem die Slowakei - von Hitler gedrängt - am 14. 3. 1939 unter deutschem Schutz (deshalb auch »Schutzstaat« genannt; Vertrag vom 23. 3. 1938) erneut ihre Selbstständigkeit erklärt hatte, besetzten deutsche Truppen am 15. 3. 1939 das verbliebene tschechische Staatsgebiet. Mit einem »Erlass« errichtete Hitler am 16. 3. 1939 das von Deutschland abhängige »Protektorat Böhmen und Mähren«. Im März/Juni 1939 fiel auch der Rest der Karpato-Ukraine an Ungarn.
 
 Das »Protektorat Böhmen und Mähren« und der »Schutzstaat« Slowakei (1939-45)
 
Dem Protektorat wurde nach dem Protektoratsvertrag (15. 3. 1939 eine autonome Selbstverwaltung mit einem Präsidenten (Hácha) und eine eigene Regierung unter strikter Oberaufsicht des Reichsprotektors (K. Freiherr von Neurath, W. Frick) zugestanden. Diese Protektoratsregierungen unter Alois Eliáš (* 1890, ✝ 1942), Jaroslav Krejčí (* 1892, ✝ 1956) und Richard Bienert (* 1881, ✝ 1949) besaßen aber keinen Einfluss. Die eigentliche Herrschaft übten die Stellvertreter der Reichsprotektoren aus: Heydrich, K. Daluege und Karl Hermann Frank (* 1898, ✝ 1946). Sie verfolgten eine rücksichtslose, v. a. gegen Bürgertum und Intelligenz gerichtete Politik. Erst nach der »Vergeltungsaktion« für das Attentat auf R. Heydrich (17. 5. 1942, der Zerstörung der Dörfer Lidice und Ležáky, begann ein stärkerer Widerstand gegen die NS-Willkürherrschaft, unter der v. a. die Juden litten (Holocaust). - Im »Schutzstaat« Slowakei versuchten die Regierungen unter J. Tiso und V. Tuka (Oktober 1938 bis September 1944) die Möglichkeiten einer wirtschaftlichen und kulturellen Entfaltung zu nutzen. Ende 1943 schlossen sich im Untergrund »tschechoslowakisch« ausgerichtete Politiker mit den Kommunisten zusammen und lösten angesichts der seit dem 18. 8. in der Slowakei vorrückenden sowjetischen Truppen am 29. 8. 1944 den Slowakischen Nationalaufstand aus (erst im Oktober 1944 von deutschen Truppen niedergeschlagen). - Beneš bildete im Herbst 1939 in London ein Tschechoslowakisches Nationalkomitee, das am 23. 7. 1940 die vorläufige Anerkennung als »Provisorische Regierung der Tschechoslowakei« durch die Alliierten erhielt. Am 11. 12. 1940 konstituierte sich ein von Beneš ernannter Staatsrat als Exilparlament. Die (unter Einfluss von Beneš) am 18. 12. 1940 gebildete Exilregierung unter J. Šramek schloss u. a. am 12. 12. 1943 einen Vertrag mit der UdSSR.
 
 Staatlicher Neuanfang (1945-48)
 
Gestützt auf diesen Vertrag bildete der Sozialdemokrat Z. Fierlinger am 5. 4. 1945 in Kaschau - im Schatten der vorrückenden sowjetischen Truppen - eine Koalitionsregierung aus demokratischen Sozialisten, Kommunisten und Bürgerlichen; das von ihr proklamierte »Kaschauer Programm« kündigte v. a. die Errichtung eines Wohlfahrtsstaates und die Verstaatlichung der Grundindustrie sowie der Banken und Versicherungen an. Am 4. 5. 1945 wurde Beneš Präsident der erneuerten Republik Mit dem Volksaufstand in Prag gegen die deutsche Besatzung (4.-9. 5.) und der Übersiedlung der Regierung nach Prag (10. 5. 1945 war die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei als Staat abgeschlossen, die jedoch auf ihre Ansprüche auf die Karpato-Ukraine zugunsten der UdSSR verzichtet hatte (jetzt »Transkarpatien« genannt; ab 29. 6. 1945). Seit Mai 1945 kam es zur raschen und zum Teil brutalen Aussiedlung der Sudetendeutschen (u. a. »Brünner Todesmarsch«, Massaker von Aussig, 31. 7. 1945) und Karpatendeutschen sowie der Ungarn. Beneš wurde im Juni 1946 durch die Wahlen als Staatspräsident bestätigt; dank ihrer Kontrolle der Schlüsselministerien und der Massenmedien stieg die KP zur stärksten politischen Kraft auf (Wahlen vom 26. 5. 1946; 43,3 % der Stimmen) und stellte ab 3. 7. 1946 mit ihrem Vorsitzenden K. Gottwald den Ministerpräsidenten (an der Spitze eines Kabinetts der Nationalen Front). Mit der Verstaatlichung der Bergwerke, der industriellen Großbetriebe, der Banken und Versicherungen sowie der Beschlagnahme des Besitzes der vertriebenen Sudetendeutschen und der tschechischen und slowakischen »Kollaborateure« (nach den Präsidentendekreten; Beneš-Dekrete) hatte bereits 1945/46 nach sowjetischem Modell eine Umwandlung der Gesellschaft begonnen. Außenpolitisch lehnte sich die Tschechoslowakei an die UdSSR an; im Sommer 1947 erzwang Stalin die Ablehnung der Marshallplanhilfe. Nach dem Scheitern der Pläne von Beneš, einen konstruktiven Modus Vivendi mit der UdSSR zu erreichen, versuchten die demokratischen Parteien im Herbst 1947, die KP aus ihrer dominierenden Stellung zu verdrängen. Unter starkem Druck auf die nichtkommunistischen Regierungs-Mitglieder (zum Teil begleitet von Diffamierungskampagnen) erzwangen die Kommunisten im Februar 1948 eine Neubildung der Regierung. Mit der zweiten Regierung Gottwald erfolgte, zwar verfassungskonform, die Übernahme der alleinigen Regierungsverantwortung durch die KP (»Februarumsturz«; 25. 2. 1948).
 
 »Volksdemokratie« und kommunistische Herrschaft (1948-89)
 
Unter Abkehr von einer der Slowakei 1945 ursprünglich zugestandenen Autonomie ging die KP daran, die gesamte Staatsorganisation nach dem Vorbild der UdSSR zu ordnen. Entscheidend wurde der Tod Masaryks (März 1948). Nachdem die Nationalversammlung am 9. 5. 1948 eine Verfassung nach sowjetischem Vorbild angenommen hatte, fanden am 30. 5. 1948 Wahlen statt, die der KP auf der Basis einer Einheitsliste die absolute Mehrheit sicherten. Die Tschechoslowakei wurde eine »Volksdemokratie«, in der die KP fortan die alleinige Führung besaß, und die übrigen, noch bestehenden Parteien im Rahmen der Nationalen Front ihre politische Eigenständigkeit verloren (u. a. 27. 6./27. 9. 1948 Vereinigung der Sozialdemokraten mit der KP). Beneš verweigerte der neuen Verfassung seine Zustimmung und trat am 7. 6. 1948 zurück. Die Kommunisten stellten nun neben dem Ministerpräsidenten (1948-53: A. Zápotocký; 1953-63: V. Široký; 1963-68: J. Lenart) auch den Staatspräsidenten (1948-53: Gottwald; 1953-57: Zápotocký; 1957-68: A. Novotný).
 
Nach der Übernahme des sowjetischen Planungsmodells für die Volkswirtschaft geriet die ČSR (1960 in ČSSR umbenannt) mit dem Beitritt zum RGW (1949) ebenso ökonomisch in starke Abhängigkeit von der UdSSR. Als Erster Sekretär der KP verfolgte Gottwald - auch unter Anwendung terroristischer Mittel - einen stalinistischen Kurs. Den Konflikt Stalins mit Tito nutzte Gottwald, innenparteiliche Konkurrenten um die Führung von Partei und Staat auszuschalten. In Schauprozessen wurden prominente KP-Mitglieder u. a. wegen »titoistischem und zionistischem Umtriebe« (KP-Generalsekretär R. Slánský; Außenminister Vladimir Clementis, * 1900, ✝ 1952) hingerichtet oder wegen »bourgeoisem Nationalismus« (G. Husák u. a.) zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Gegen die katholische Kirche leitete die kommunistische Führung eine Verfolgungswelle ein (u. a. gegen Bischof F. Tomášek). In den 50er-Jahren wurde die Landwirtschaft kollektiviert. Mit dem Beitritt zum Warschauer Pakt (1955) fügte sich die Tschechoslowakei in das von der UdSSR geführte System des Ostblocks ein.
 
Seit Beginn der 60er-Jahre sah sich die Partei- und Staatsführung erstmals gezwungen, viele Opfer der Schauprozesse in den 50er-Jahren zu rehabilitieren. Kritik innerhalb und außerhalb der KP an der staatlichen Wirtschaftspolitik sowie am ideologischen Dogmatismus der Parteiführung leiteten - in Verbindung mit wachsender Unzufriedenheit in der Slowakei - einen innenpolitischen Gärungsprozess ein. Der zunehmend erstarkende reformerische Flügel im ZK der KP (u. a. O. Šik, O. Černík, A. Dubček, J. Smrkovský) einigte sich am 5. 1. 1968 auf Dubček als Nachfolger von Staatspräsidenten Novotný im Amt des Generalsekretären der KP; Staatspräsident wurde im März 1968 General L. Svoboda, und Černik wurde Ministerpräsident. Unter Wahrung der Alleinherrschaft der KP suchte die neue Partei- und Staatsführung Ansätze einer Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft (»Sozialismus mit menschlichem Antlitz«) zu verwirklichen, wobei jedoch das Bündnis mit der UdSSR nicht infrage gestellt wurde (Prager Frühling). Dabei sollte die Wirtschaft nach dem von O. Šik entwickelten »Neuen ökonomischem Modell« (Verbindung marktwirtschaftlicher Elemente mit staatlicher Wirtschaftsplanung im Sinne einer sozialistischen Marktwirtschaft) gestaltet, die Kulturpolitik (v. a. E. Goldstücker) liberalisiert werden, u. a. durch zunehmende Presse- und Meinungsfreiheit. Die Reformpolitik wurde von der Bevölkerung begeistert aufgenommen (u. a. Manifest der »Zweitausend Worte« vom 27. 6.). Misstrauisch gegenüber der Duldung des sich bald verselbstständigenden Demokratisierungsprozesses intervenierte die UdSSR militärisch, nachträglich gerechtfertigt durch die Breschnew-Doktrin. Am 20./21. 8. 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes (mit Ausnahme Rumäniens) in die Tschechoslowakei ein. In den folgenden Monaten wurden fast alle Reformpläne aufgehoben (u. a. verankert im erzwungenen »Moskauer Protokoll« vom 26. 8.); nur die formal eingeleitete Föderalisierung der Tschechoslowakei in einen Bundesstaat der Tschechen und Slowaken, d. h. die Bildung einer »Tschechischen Sozialistischen Republik« und einer »Slowakischen Sozialistischen Republik« (1. 1. 1969, verwirklichte ein wichtiges Anliegen der Reformer. Im April 1969 musste Dubček die Funktion des Generalsekretären der KP an Husák, im Januar 1970 Černik das Amt des Ministerpräsidenten an L. Štrougal abtreten. Nach der Unterzeichnung eines neuen Freundschaftsvertrages mit der UdSSR (Mai 1970) stellten parteiinterne Säuberungen, Massenentlassungen und politische Prozesse den ideologischen Gleichschritt mit der sowjetischen Partei- und Staatsführung wieder her. Schließlich wurde Husák zum Staatspräsidenten gewählt (1975; Wiederwahl 1981).
 
Unter dem Eindruck der »Schlussakte« von Helsinki (1975) entwickelte sich in der Tschechoslowakei die Charta 77 (etwa 1 800 fast nur tschechische Unterzeichner; Sprecher u. a.: J. Hájek, V. Havel), die 1980 durch die Solidarność-Bewegung in Polen weiteren Auftrieb erhielt (Bürgerbewegung). Mit einer Verhaftungswelle suchte die Partei- und Staatsführung die Bürgerrechtsbewegung zu unterdrücken. Den von M. S. Gorbatschow in der UdSSR eingeleiteten Reformkurs lehnte die KPČ unter Husák und seinem Nachfolger als Generalsekretär der Partei (ab Dezember 1987), Miloš Jakeš (* 1922), ab; im Oktober 1988 trat Ministerpräsident Štrougal zurück. Alle folgenden Reformversuche blieben erfolglos.
 
 Der demokratisch-föderative Staat (1989/90-92)
 
Mit Massendemonstrationen, die zunächst (Ende Oktober 1989; Prag und Brünn) von der Polizei brutal zerstreut wurden, erzwang das Volk im November 1989 den Dialog zwischen Regierung und Oppositionsgruppen und forderte tief greifende Umgestaltungen in der Gesellschaft (»sanfte« [»samtene«] Revolution; Höhepunkt: Generalstreik am 27. 11.). Kristallisationskern und Sprachrohr der inzwischen stark angewachsenen Demokratiebewegung wurde das Bürgerforum (OF). Reformkommunist Márián Čalfa (* 1946) bildete am 10. 12. 1989 als Ministerpräsident eine erstmals nichtkommunistisch dominierte Koalitionsregierung der nationalen Verständigung. Der Sprecher des Bürgerforums, Havel, wurde nach dem Rücktritt von Staatspräsidenten Husák (10. 12. 1989 am 29. 12. zu dessen Nachfolger gewählt (Juli 1990 wieder gewählt), am Tag zuvor war Dubček Parlamentspräsident geworden (bis Juni 1992). Bereits am 29. 11. 1989 hatte das Parlament den Führungsanspruch der KP aus der Verfassung gestrichen. Am 20. 4. 1990 erfolgte die Umbenennung in Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR), um die angestrebte Gleichberechtigung von Tschechen und Slowaken in einem neuen Föderativstaat zu verdeutlichen. Nach den ersten freien Wahlen zur Volkskammer und zur Nationenkammer (zusammen das Bundesparlament) am 8./9. 6. 1990 bildeten das siegreiche Bürgerforum beziehungsweise seine slowakische Partnerorganisation Öffentlichkeit gegen Gewalt (VPN) eine Koalitionsregierung mit der slowakischen Christlich-Demokratischen Bewegung (KDH) aus dem tschechisch-slowakischen Wahlbündnis Christdemokratische Union (KDU). Die neue Regierung unter Čalfa (seit 1990 VPN) leitete einen neuen Kurs ein; Schwerpunkte der Innenpolitik blieben Wirtschaftsreformen (Übergang zur Marktwirtschaft), stärkere Föderalisierung und Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung. Im Frühjahr 1991 spalteten sich Bürgerforum und VPN in verschiedene Parteien.
 
Mit der Auflösung des Warschauer Paktes und des RGW (1991) wandte sich die Tschechoslowakei bewusst den Staaten des westlichen Europa zu. Der Deutsch-Tschechoslowakische Nachbarschaftsvertrag (27. 2. 1992 löste in umfassenderer Form den deutschen-tschechoslowakischen Vertrag vom 11. 12. 1973 ab. - Seit 1990/91 nahmen nationalistisch-separatistische Bestrebungen in der Slowakischen Republik deutlich zu. Nach den Wahlen vom 5./6. 6. 1992 konnten sich die neuen Ministerpräsidenten, V. Klaus in der Tschechischen, V. Mečiar in der Slowakischen Republik, nicht auf den Fortbestand der Föderation in der bestehenden Form einigen. Nach der Proklamation der Unabhängigkeit der Slowakei (17. 7. 1992 trat Staatspräsident Havel am 20. 7. 1992 zurück; ohne Volksentscheid wurde die Trennung der ČSFR zum 1. 1. 1993 beschlossen.
 
 
J. Korbel: Twentieth-century Czechoslovakia. The meanings of history (New York 1977);
 
Die böhm. Länder zw. Ost u. West, hg. v. F. Seibt (1983);
 R. Ströbinger: Schicksalsjahre an der Moldau. Die T. - 70 Jahre einer Rep. (1988);
 J. K. Hoensch: Gesch. der T. (31992);
 K.-P. Schwarz: Tschechen u. Slowaken. Der lange Weg zur friedl. Trennung (Wien 1993);
 
The end of Czechoslovakia, hg. v. J. Musil (Budapest 1995);
 I. Lukas: Czechoslovakia between Stalin and Hitler (New York 1996);
 H. P. Brogiato: T. - Tschechien - Slowakei. Lit. in den westl. Sprachen 1975-1995 (1997).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Tschechoslowakische Republik: Zentralismus und Nationalitätenprobleme in der CSR
 
Europa: Die Teilung Europas nach 1945
 
Ostblock: Die Auflösung
 
Tschechoslowakei: Die Wende der Tschechen und Slowaken
 

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Tsche|cho|slo|wa|kei, die; -: ehem. Staat in Mitteleuropa.

Universal-Lexikon. 2012.

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